Der deutsche Plus Size Markt aus meiner Sicht

(© navabi)

„Er schaute schräg an mir vorbei und lächelte, wie ich es noch nie bei ihm gesehen hatte. Als wären seine Augen ein Bildschirm, bei dem jemand die stärkste Helligkeitsstufe eingestellt hatte. Ich folgte seinem Blick. Eine Frau, deren Anblick mich überwältigte, betrat den Raum. Hatte ich schon eine XXL-Figur, wies sie sicher noch ein bis zwei X mehr auf. Doch sie kaschierte ihre Rundungen nicht mit einem wallenden Zelt von einer Tunika, sondern trug sie zur Schau, so stolz, wie ich es noch nie bei einer dicken Frau gesehen hatte.“

(Auszug aus dem Roman Venus in Echt – unbedingt lesen!)

Ich hatte euch ja gestern berichtet, dass meine Kleidergröße sich in den letzten Jahren von 36/38 zu 42/44 geändert hat. Ich habe mich darum komplett neu eingekleidet, nur die Schuhe sind noch dieselben. Es ist nicht unmöglich geworden, etwas zu finden, dass mir gefällt, gut sitzt UND in meiner neuen Größe erhältlich ist. Aber es IST aufwändiger als mit Größe 36/38. Dabei befinde ich mich noch relativ am Anfang des Plus Size Bereichs – für Größe 52 oder 62 ist die Angebotssituation noch schwieriger.

Dem Angebot nach müsste sich mein Geschmack mit der Zahl auf der Waage geändert haben. Hat er aber nicht (Überraschung!)! Im Gegenteil: Ich bin mittlerweile noch anspruchsvoller als in meinen schlanken 20ern, vor allem was Material, Verarbeitung und Produktionsbedingungen angeht. Ich habe mich darum sehr mit der Frage beschäftigt, warum das Angebot auf dem deutschen Plus Size Markt so ist, wie es ist. Wie es sich ändern ließe. Und was mir daran gefällt.

Was ich am deutschen Plus Size Markt gut finde

TextilWirtschaft Spezial Plus Size Frühjahr 2017

(© Everyday Boudoir)

Bei meinem „Hipstar“-Besuch habe ich diese Spezialausgabe der TextilWirtschaft mitgenommen. In der Einleitung ist zu lesen: „Die Nachfrage ist da. Doch mit dem Angebot hapert es noch vielerorts. Frauen mit Anschlussgrößen sind modemutiger, als viele denken. Das Frühjahr hat einmal mehr gezeigt, welche Diskrepanz hier noch herrscht. Die Hersteller reagieren. Spitzen ihre Kollektionen zu, wagen echte Highlights, ignorieren alte Gesetze. Dafür braucht es eine neue Bühne im Handel. Abteilungen werden neu gedacht. Zusätzlichen Drive bekommt diese Entwicklung mit der Plus Size-Halle der Panorama. Schluss mit Ausgrenzung.“

Mein persönlicher Eindruck ist ebenfalls, dass trotz des ernüchternden „Hipstar“-Besuchs die Hersteller langsam aber sicher reagieren: Ulla Popken lancierte 2014 die Marke Studio Untold samt Bloggerkollektion. Bei Mango gibt’s die Zweitmarke Violeta, ASOS und Zalando haben ihre Curve-Bereiche ausgebaut bzw. überarbeitet und mit navabi haben wir einen Onlineshop mit Premium-Mode ab Größe 42 – um ein paar Beispiele zu nennen. Was tatsächlich noch fehlt, ist die „Bühne im (stationären) Handel“, denn momentan lässt sich der Großteil nur online bestellen. So sehr ich Onlineshopping auch mag – bei meiner Suche nach neuen Marken, die mir jetzt passen und gefallen, ist es einfach anstrengend, alles zu bestellen, die Größe rauszufinden, zu testen, wie die Sachen ausfallen, ob mir der Schnitt steht etc. pp. Und im schlimmsten Fall das Ganze zurück zur Post zu schleppen, wenn es nicht saß.

Les Soeurs Shop Berlin

Hier bekommt ihr Mode in Größe 42 bis 54 (© Everyday Boudoir)

Also, her mit den Geschäften und Abteilungen, in denen ich direkt vor Ort probieren und kaufen kann! In Berlin möchte ich euch z. B. den im März eröffneten Les Soeurs Shop ans Herz legen. Und sobald ich mal wieder in meiner ehemaligen Studienstadt Hamburg bin, besuche ich das Kurvenhaus!

Sind solche Spezialgeschäfte eigentlich nötig, sollten die großen Größen nicht einfach neben den kleinen Größen hängen? Das fände ich wunderbar! Notwendig fände ich dann jedoch auch entsprechend sensible Verkäuferinnen, die eine dicke Kundin genauso respektvoll behandeln wie eine Dünne – was allgemein ein gesellschaftliches Umdenken im Umgang mit üppigen Körpern erfordert. Bis dahin finde ich einen geschützten Rahmen, in denen füllige Kundinnen sich nicht vor schrägen Blicken und taktlosen Sprüchen in Acht nehmen müssen, weiterhin wichtig.

Ursachenforschung

Bei allen kleinen Schritten, die ich auf dem deutschen Plus Size Markt sehen kann, gibt es trotzdem noch deutlich Luft nach oben. Näher an den Trends, modemutiger, körperbetonter wünschen sich viele Frauen die Plus Size Angebote. Besonders viel Gehör verschaffen sich die Plus Size-Bloggerinnen, deren Anzahl in Deutschland ebenfalls wächst, und das ist gut! Gleichzeitig frage ich mich, ob der Großteil der Kundinnen im Plus Size-Bereich die gleichen Bedürfnisse und Wünsche hat? Oder ob es nicht einen einfachen marktwirtschaftlichen Grund gibt, aus dem das Angebot ist wie es ist, denn letztlich entscheiden Nachfrage und Verkaufszahlen über das, was wir online und in den Läden finden. Vielleicht ist es schlicht so, dass die unscheinbaren und für meinen Geschmack langweiligen Kleidungsstücke am meisten gekauft werden?

„Sonjas Blick glitt etwas abschätzig über mich. Wieder eine von den ängstlichen Dicken, die auf Nummer sicher geht, schien sie zu denken. Eine, die glaubt, dass Mode nur für die Dünnen da ist.“

(aus Venus in Echt)

navabi Colourful (SS16 Campaign)

(© navabi)

Mit modischer und stilvoller Kleidung fällt man auf – erst recht als dicke Frau, denn allein die Körperfülle zieht (meist nicht grad anerkennende) Blicke auf sich. Das erfordert Mut und Selbstbewusstsein! Ich habe dazu auch Plus Size Stylistin und Bloggerin Mary um ihre Einschätzung gebeten:

Die liebe Anja hat mich gebeten mir einige Gedanken zu den Ursachen zu machen, warum das Angebot in deutschen Plus-Size-Geschäften und vor allem auf der „HIPSTAR“ während der FASHION WEEK in Berlin so ist, wie es ist. Stand der Dinge ist, dass die Auswahl in lokalen Geschäften sehr klein und teuer ist – und oft nicht den KundInnenwünschen entspricht. Für mich als Stylistin und Bloggerin liegen wesentliche Ursachen in dem deutschen Schönheitsideal, und das ist SCHLANK! Oft kommen KundInnen mit dem Wunsch nach Veränderung zu mir, können sich allerdings kaum gedanklich auf diese Kleiderveränderung einstellen: Ich kann kein Kleid tragen mit meinen BEINEN; mit meinem PO; mit meinem BAUCH; mit meinen ARMEN etc.! Alles an ihrem Körper steht ihnen vermeintlich im Weg. Doch der Körper ist hier gar nicht das Problem, sondern der Kopf: Viele dicke Menschen können ihren Körper nicht wertschätzen – und diese Einstellung ist es, die ihnen im Weg steht! Was für viele KundInnen Normalfall ist: die Wertschätzung durch Kleidung, und in der Mode etwas Neues auszuprobieren, versagen sich viele dicke Menschen. Denn dicke Menschen stehen ja schon so mit ihrem Körper im Fokus der Öffentlichkeit, müssen Kritik, Blicke und Sprüche über sich ergehen lassen. Da fordert es viel Mut und Kraft zu seiner Figur zu stehen, sich zu akzeptieren, sich gar wohl und attraktiv zu finden! Oder – Gott bewahre – das auch noch zu zeigen!

Daher glauben viele Hersteller, Designer und Retailer, dass Plus-Size-Menschen in der Mehrheit gerne Zelte hätten, um sich darin zu verstecken. DEM IST ABER NICHT SO! Immer mehr dicke Menschen lernen ihren Körper zu akzeptieren, zu lieben und wollen diese Selbstliebe mit Mode ausdrücken, die aufhört mit FATSHAMING, aufhört mit dem Versteckspiel, die endlich aufhört dicke Menschen als Mode-Reste-VerwerterInnen zu sehen!

Mein Tipp, um Köperakzeptanz zu üben: Zieht an, was ihr wollt! Wenn ihr euch noch nicht mit der entsprechenden Kleidung in die Öffentlichkeit traut, tragt euer Lieblingskleidungsstück erstmal zu Hause oder einem anderen „Safe Place“. Schaut euch immer mal wieder in dem Kleidungsstück im Spiegel an und bekommt ein Gefühl dafür, wie es ist euer Lieblingsstück zu tragen!

BodyMary – EveryBody is beautiful!

BodyMary - Plus Size Stylistin und Bloggerin

(© BodyMary)

Mary trifft meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf! Eng verbunden mit dem Schlankheitswahn unserer Gesellschaft ist auch der Gedankengang vieler Frauen „Ich hole mir jetzt nichts Besonderes oder Wertigeres, denn ich mache grad Diät / nehme ja bald ab und dann passt es nicht mehr“. STOP! Du verdienst schöne Kleidung! Und zwar JETZT! Dazu kommt, dass ich deutsche Frauen insgesamt als zurückhaltend empfinde, was Mode angeht. Anna Scholz hatte zum Beispiel mal ein eigenes Geschäft in Berlin, das jedoch aufgrund zu niedriger Verkaufszahlen wieder schließen musste. Dazu sagte sie auf Spon:

„In Deutschland kleiden sich Frauen mit großen Größen doch eher sportiver. Sie verhüllen und verstecken sich mehr, wollen einem gesellschaftlichen Ideal entsprechen.“

Wenn ich mich umsehe, trifft das nicht nur auf große Größen zu. Auch in Größe 36/38 gibt es viel Unauffälliges und Sportliches in gedeckten Farben in Kaufhäusern, Katalogen und auf der Straße zu sehen. Und trotzdem ist die Auswahl an farbenfroher, stilvoller und trendiger Mode für kleine Größen noch weit voraus. Ganz abgesehen von der Auswahl an Kleidung aus Viskose, Seide oder Leinen – Materialien, die ich bevorzuge. Ich bin ehrlich entsetzt, wie viel Polyester es im Plus Size Bereich gibt, sogar im Premiumbereich wie bei navabi! Da besteht dringend Handlungsbedarf – den ich mit meiner Brieftasche unterstützen werde.

Wie lässt sich das Plus Size Angebot in Deutschland verbessern?

Neben dem Freimachen von gängigen Schlank- und Schönheitsidealen sowie der inneren Erlaubnis, sichtbar zu werden und zu tragen, was euch selbst gefällt (dabei kann ich euch gern unterstützen), sind das außerdem diese beiden Punkte:

  1. Sagt, was ihr euch wünscht.
  2. Und kauft es dann auch (und zwar nicht erst im Sale)!

Unterstützt die Marken und Geschäfte, die euch unterstützen

Und boykottiert die, die euch nur vermeintlich unterstützen, während sie stattdessen das alte Bild der üppigen Frau, die unbedingt verhüllt werden muss, weiter zementieren:

Marketing-Fail_Kaschieren kann so einfach sein

(Screenshot des Newsletters – totaler Marketing-Fail!)

Wenn meine beste Seite ist, nichts mehr von mir und meiner Figur zu zeigen, dann: Nein, Danke! Nachdem ich DAS in meinem Newsletter-Postfach hatte, habe ich bei diesem Katalog jedenfalls nichts mehr bestellt!

Wie seht ihr den deutschen Plus Size Markt? Was wünscht ihr euch? Wo seht ihr Ursachen? Und Ansatzpunkte, um etwas zu ändern?

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Anja

Hi, ich bin Anja, Psychologin, Bloggerin und Gründerin von Everyday Boudoir. Auf Everyday Boudoir schreibe ich seit 2014 über schöne Lingerie, gut sitzende BHs und feminine Kleider für möglichst alle Größen.

Auf www.anja-wermann.de findest du außerdem Artikel zu Beziehungen, Sexualität und Körperakzeptanz. Schau doch mal rein!

4 Kommentare

  1. Liebe Anja,

    sehr guter Beitrag, danke. Zu dem Gründen noch eine Anmerkung: es ist leider schon auch so, dass ein gewisser Gruppendruck herrscht, und gerade die, sie sich selbst nicht mögen, mit aller Macht versuchen, ihren Selbsthass anderen aufzuzwingen.

    Sehr deutlich sieht man es zB in diversen Plus Size Facebook-Gruppen. Kaum postet mal jemand Bilder von mutigeren Outfits, geht das Gemecker los: „Geht gar nicht“, „unmöglich“, „ich bin ja selber dick, aber ich würde nie …“ „solche Outfits sind der Grund, warum Dicke einen schlechten Ruf haben“ usw. Ich meide solche Gruppen – online und IRL – ja eher, aber kann mir schon vorstellen, dass dieses Abgeurteilt werden von anderen Plus Frauen weniger sichere Seelen gewiss davon abhält, sich mutiger anzuziehen …

  2. Julia Balodis

    Hallo Anja,
    Du sprichst mir aus der Seele! Aber ich habe das Gefühl, dahinter steckt auch ein generelles Mode-Problem in Deutschland – viele Frauen in Deutschland tun sich mit Eleganz (und die kann auch in Sneakers daher kommen!) generell schwer – und wie viel schwerer wird das Sich-wohl-fühlen in der Lieblingskleidung (die womöglich elegant ist! 😉 ), wenn der Körper nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht!
    Und was die „Schäm-dich-Ecken“ für größere Größen in den Geschäften angeht: Da ich ja schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel habe, kann ich mich noch an Zeiten erinnern, wo es z.B. bei C&A einfach nur eine Abteilung für Blusen, Hosen usw. gab, wo dann ALLES hing, von Gr. 36 bis 56. Kleider waren damals allerdings in großen Größen zum Fürchten!
    ich kann Dir allerdings nicht sagen, wann genau diese Abteilungen zu reinen Strait-Size-Abteilungen wurden und man alles über Gr. 46 mit der Lupe suchen musste!
    P.S.: Ich bin jetzt wieder zu meinem alten Hobby Nähen zurück gekehrt, weil ich die Kleidung, die ich möchte, im Handel sowieso nicht finde, zumindest nicht zu Preisen, die ich mir leisten kann!

    • Hi Julia,

      verspätet vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Vielleicht sehe ich eines Tages eines deiner selbst kreierten Kleidungsstücke? 🙂

      Liebe Grüße
      Anja

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