Die Fashion Revolution und die Wäscheindustrie

(© Fashion Revolution)

Was soll ich tun? Die ganze aufgestaute Bloglust hat sich nun Bahn gebrochen und ich muss jetzt doch ein wenig mehr in die Tasten hauen, um euch was über die Fashion Revolution zu erzählen!

Sicherlich erinnert ihr euch an den mehr als tragischen Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch am 24. April 2013, bei dem über 1.100 Menschen getötet und über 2.400 Menschen verletzt wurden. Als Reaktion darauf wurde die Fashion Revolution gegründet, deren Ziel es ist, auf die Missstände in der Modeindustrie (insbesondere in der Produktion) aufmerksam zu machen und sich für mehr Transparenz in der Produktionskette einzusetzen. Es gibt auch eine Initiative in Deutschland, falls ihr mehr darüber erfahren oder euch engagieren möchtet. Aktuell findet zudem die Fashion Revolution Week statt (24.-30.04.2017). Die ist zwar morgen schon wieder zu Ende, doch das Thema ist das ganze Jahr über relevant!

Um die oben erwähnte Transparenz in der Produktionskette zu erhöhen, wurde auch in diesem Jahr der Fashion Transparency Index veröffentlicht. Unter den 100 Modeunternehmen, die darin aufgeführt werden, befinden sich auch die Wäscheriesen Calzedonia, Triumph und Victoria’s Secret. Die geringe Anzahl an Wäscheherstellern zeigt übrigens gut, wie klein die Wäscheindustrie im Vergleich zur gesamten Modeinstrustrie ist. Die Ergebnisse bezogen auf diese drei Wäschehersteller möchte ich euch heute vorstellen!

Der Fashion Transparency Index 2017 (FTI)

(© Fashion Revolution)

Warum ist Transparenz nötig?

Bei wie vielen Modeunternehmen lässt sich eigentlich nachvollziehen, wer eure Kleidung hergestellt hat? Damit meine ich nicht nur das Nähen, sondern auch die Schritte davor wie die Gewinnung des Rohstoffs (Baumwolle, Leder usw.) oder das Färben der Materialien. Tatsächlich wissen die Unternehmen selbst oft nicht, in welcher Fabrik ihre Zulieferer nähen lassen oder woher die Stoffe, die sie verwenden, ursprünglich kommen und unter welchen Bedingungen sie entstanden sind.

Diese fehlende Transparenz erschwert es enorm, die Arbeitsbedingungen für die Menschen zu verbessern, die letztlich auf den Baumwollfeldern arbeiten, Leder gerben oder an der Nähmaschine sitzen, und durch verbesserte Arbeitsbedingungen und sichere Gebäude Gesundheit und Leben dieser Menschen zu schützen.

Wie wurde die Transparenz im FTI 2017 erhoben?

Als Datengrundlage dienten Informationen zu den unten aufgeführten fünf Bereichen, die durch die Unternehmen öffentlich verfügbar gemacht wurden, also transparent waren. Zusätzlich versandte das Team hinter dem FTI einen Fragebogen, der jedoch nur von 47 der 100 Unternehmen beantwortet wurde.

Zur Ermittlung der Transparenz wurden folgende Bereiche festgelegt:

  1. „Policy & Commitments“ (Welche sozialen und ökologischen Verpflichtungen haben sich die Unternehmen auferlegt und wie werden sie umgesetzt? Eine Selbstverpflichtung ist schließlich nichts wert, wenn sie nur auf dem Papier oder der Unternehmenswebseite steht und sonst nichts weiter passiert.)
  2. „Governance“ (Wer ist verantwortlich für die Umsetzung und steht bei diesbezüglichen Rückfragen zur Verfügung?)
  3. „Traceability“ (Veröffentlicht das Unternehmen eine Liste der Zulieferer, vom Nähen bis zu den Rohstoffen?)
  4. „Know, show & fix“ (Wie ist die Reaktion auf soziale oder ökologische Probleme in Fabriken und Produktionsorten? Wie können Arbeiter_innen Missstände melden?)
  5. „Spotlight Issues“ (Wie stellt das Unternehmen faire Löhne und Versammlungsfreiheit sicher? Was unternimmt es zur Schonung von Ressourcen?)

Diese fünf Bereiche wurden unterschiedlich gewichtet und die Unternehmen konnten einen Gesamtwert von 250 Punkten erreichen. Die Punktwerte wurden zur besseren Darstellung abschließend in Prozentzahlen umgewandelt, das heißt von 0-100 % Transparenz war alles möglich.

Erreicht ein Unternehmen in der Auswertung nur eine geringe Prozentzahl, heißt das übrigens nicht automatisch, dass es sich wenig für eine Verbesserung der Produktionsbedingungen einsetzt, sondern erstmal nur, dass es wenig über seine Aktivitäten transparent macht. Ich gehe jedoch davon aus, dass jedes Unternehmen, das wirklich aktiv daran arbeitet, etwas zu verbessern, dies auch öffentlich machen würde, denn den guten Marketingeffekt würde doch jeder dieser Mode-Riesen mitnehmen wollen, oder wie seht ihr das?

(© Fashion Revolution)

Welche Unternehmen wurden in den FTI 2017 einbezogen?

Bei der Auswahl der Unternehmen haben die Ersteller_innen des FTI drei Faktoren berücksichtigt:

  1. Der jährliche Umsatz beträgt mindestens 1,2 Milliarden US-Dollar (private Unternehmen, die ihre Umsatzzahlen nicht veröffentlichen, kommen daher im FTI nicht vor).
  2. Die Unternehmen haben zugestimmt, im FTI aufgeführt zu werden.
  3. Sie repräsentieren einen Querschnitt von Marktsegmenten wie High Street Fashion, Designermode, Sportbekleidung, Accessoires, Schuhmode und Jeansmode in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien.

Dass Triumph (insbesondere in Europa) und Victoria’s Secret (insbesondere in den USA) mächtige Hausnummern in der Wäscheindustrie sind, war mir bekannt. Dass jedoch auch Calzedonia dazugehört, war mir noch nicht so bewusst. Für mich war das bislang eine italienische Kette mit Strumpfmode, die in den letzten Jahren auch in Deutschland mehr und mehr Fuß gefasst hat. Doch Calzedonia ist nicht nur eine Marke, sondern auch der Name des Herstellers Calzedonia, der insgesamt sechs Marken unter seinem Dach beherbergt – darunter auch Intimissimi, in Deutschland ebenfalls auf dem Vormarsch – und der offensichtlich auf einen Jahresumsatz von mindestens 1,2 Milliarden US-Dollar kommt, sonst wäre das Unternehmen nicht im FTI dabei.

Wie haben Calzedona, Triumph und Victoria’s Secret abgeschnitten?

Oben hatte ich ja erwähnt, dass 0-100 % Transparenz möglich waren. Über 50 % Transparenz hat keines der 100 untersuchten Unternehmen erreicht. Zwischen 40-50 % und damit an der Spitze lagen übrigens Adidas, Reebok, Marks&Spencer, H&M, Puma, Banana Republic, Gap und Old Navy.

Calzedonia und Triumph lagen mit je nur 9 % Transparenz dagegen ziemlich weit hinten, Victoria’s Secret schaffte es auf 11 %. In meinen Augen ein ziemlich ernüchterndes Ergebnis für diese drei Wäscheriesen!

Daraus etwas für die gesamte weltweite Wäscheindustrie ableiten zu können, ist zwar nicht möglich. Doch ich weiß, dass ich bei diesen drei Herstellern weiterhin nichts kaufe und mich auf Unternehmen konzentriere, die

  • entweder eigene Fabriken haben, in denen die Arbeitsbedingungen somit besser kontrolliert werden können (wie beispielsweise Empreinte in Tunesien) oder
  • indem ich ganz auf die Herstellung direkt durch die Inhaber_innen setze (wie beispielsweise bei ParaNoire oder Helen Valk-Varavin).

Bleibt natürlich noch die Frage nach der Herkunft der Materialien. Ich denke nicht, dass die endgültige Lösung ist, nur noch auf europäische Materialien zu setzen (wobei es innerhalb Europas natürlich die Transportwege verkürzt), und z. B. Asien völlig außen vor zu lassen. Die ganze Angelegenheit ist wesentlich komplexer. Dass Made in China (oder einem anderen asiatischen Land) dabei auch nicht unbedingt verteufelt werden muss, könnt ihr übrigens im Artikel The „Made in China“ Bias nachlesen, den Emma Parker, Inhaberin der von mir sehr geschätzten Marke Playful Promises, für The Lingerie Addict verfasst hat.

Wie versuche ich auf Everyday Boudoir für mehr Transparenz zu sorgen?

Häufig stelle ich euch kleine Indie-Marken vor, deren Inhaber_innen die Produkte allein oder in einem Team selbst nähen. Ich sage euch, woher eine Marke kommt und – soweit es mir möglich ist – wo sie produziert. Interessanterweise wird es bei wachsender Größe eines Unternehmens tatsächlich oft schwerer, rauszufinden, wo produziert wird. Und erst recht, wo die Materialien herkommen. Wobei auch nicht jedes Unternehmen seine Zulieferer preisgeben möchte, um den eigenen Wettbewerbsvorteil zu erhalten.

Unternehmen, die mir von den Produktionsbedingungen zu suspekt sind, stelle ich auf Everyday Boudoir zudem nach Möglichkeit gar nicht vor. Mir ist klar, dass mein Blog aus den genannten Gründen preislich eher exclusiv ist, denn supergünstige Primark- oder Tchibo-BHs werdet ihr hier nicht finden. Dafür kann ich nachts besser schlafen.

Wo könnt ihr euch weiter informieren?

Wenn ihr euch noch mehr in das Thema vertiefen möchtet, empfehle ich euch außerdem:

Deutschsprachige Seiten, die sich mit fairer Mode beschäftigen, sind beispielsweise Peppermynta und Utopia. Bei Utopia findet ihr außerdem eine Auflistung weiterer Blogs, die sich fairer Mode widmen. Auf dem Online-Marktplatz Avocado Store aus Hamburg findet ihr außerdem faire Mode (auch Wäsche) und Lifestyleprodukte verschiedener Marken auf einer Plattform versammelt.

Mitarbeiter_innen von Iris Textiles, Guatemala (© Bryan Berry)

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Anja

Hi, ich bin Anja, Psychologin, Bloggerin und Gründerin von Everyday Boudoir. Auf Everyday Boudoir schreibe ich seit 2014 über schöne Lingerie, gut sitzende BHs und feminine Kleider für möglichst alle Größen.

Auf www.anja-wermann.de findest du außerdem Artikel zu Beziehungen, Sexualität und Körperakzeptanz. Schau doch mal rein!

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