Gastbeitrag: Brafitting nach Brustkrebsoperationen

(© Anne-Luise Lübbe)

Im meinem Artikel zu „Epithesen-geeigneten Wohlfühlmodellen zum Schwelgen“ hatte ich euch angekündigt, dass ich mir Unterstützung zum Thema „Brafitting nach Brustkrebsoperationen“ holen würde, weil mein Wissen und meine Erfahrung hier noch begrenzt sind. Brafitting-Kollegin Anne-Luise, Inhaberin der BH Lounge in Hannover, hat sich die Zeit genommen und dazu einen einfühlsamen und informativen Beitrag geschrieben, den ich heute gern mit euch teilen möchte. Vielen lieben Dank, Anne-Luise!

Brafitting nach Brustkrebsoperationen

Wer durch eine Mastektomie einen Teil der Brust oder beide Brüste verliert, fühlt sich mit existentiellen Fragen konfrontiert. Zur Sorge um die Gesundheit und den weiteren Verlauf der Behandlung kommt, dass der Verlust von Brustgewebe einen entscheidenden Eingriff in das Körperbild einer Frau darstellt. Die Silhouette ist anders geformt und der Kopf braucht erstmal eine Zeit, um das, was sich nun im Spiegel zeigt, in das eigene innere Bild zu integrieren.

Brüste sind nach der Vorstellung unserer Gesellschaft das Symbol von Weiblichkeit und weiblicher Identität. In Medien und Werbung wird uns dies ständig vor Augen gehalten, nicht nur in der Lingeriewerbung spielen Brüste eine zentrale Rolle. Frauen „mit Kurven“, sprich mit Sanduhrfigur, gelten derzeit als besonders attraktiv und fraulich. Durch den Verlust von Brustgewebe scheint eine Frau daher teilweise ihrer Weiblichkeit beraubt zu werden. Auch wenn sie sich die Dauerbeschallung der Medien und ihren unterbewussten Einfluss immer wieder verdeutlicht: dieser Gedanke wird aufkommen. Das ist sehr schade, bedeutet „Frau sein“ doch so viel mehr.

Allerdings kann man sich mit diesem Wissen darüber verdeutlichen, dass das schlechte, unsichere Gefühl nicht in einem selbst wohnt, sondern nicht zuletzt durch weibliche Rollenzuschreibungen entsteht. Ich glaube, dass es wichtig und gut ist, das zu erkennen, um sich ein stückweit davon frei machen zu können und für sich selbst eine persönliche Definition der eigenen Weiblichkeit zu finden.

Leicht gesagt. Ich muss zugeben, ich tue mich schwer damit, diesen Artikel zuende zu schreiben. Ich habe das große Glück, dass weder ich noch meine Familie von Brustkrebs betroffen sind. Und irgendwie komme ich mir anmaßend dabei vor, Frauen, die so eine schwere Zeit durchmachen, zu Zuversicht motivieren zu wollen. Krebs ist ein Arschloch. Da kann man nichts beschönigen. Und gerade bei Brustkrebs ist dann auch noch nach außen sichtbar, dass jemand diese Krankheit hat.

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In ruhiger und ungestörter Atmosphäre könnt ihr euch in der BH Lounge beraten lassen (© Anne-Luise Lübbe)

Eine meiner Kundinnen hat mich gefragt, wie stark man den Unterschied sehen kann. Weil ihr von der vormals größeren Brust Gewebe entnommen wurde und diese nun kleiner war, war für sie selbst der Unterschied sehr groß. Sie wollte nun von mir wissen, ob es angebracht ist, eine Prothese zu tragen. Dieses Beispiel steht exemplarisch für die Gedanken vieler Frauen in dieser Situation. Die Unsicherheit darüber, inwieweit es den Mitmenschen auffällt, ist einfach da. Natürlich möchte man nicht, dass andere es sehen und einen gar darauf ansprechen, man fühlt sich verletzlich, angreifbar.

Manchmal ist auch für mich der Unterschied nicht offensichtlich. Die allermeisten Frauen haben eine natürliche Asymmetrie, manche stärker, manche weniger stark ausgeprägt, und ich würde behaupten, dass ein Unterschied von bis zu einer Cupgröße einem ungeübten Blick kaum auffallen dürfte. Trotzdem kann es natürlich für die Betroffene überdeutlich wirken, beispielsweise wenn die vormals größere Brust nun die kleinere ist. Im Kopf ist es dann immernoch andersherum. Auch wenn die Mitmenschen beteuern, dass der Größenunterschied nicht sichtbar sei, das Gefühl ist dann einfach da. Das ist auch vollkommen in Ordnung und nachvollziehbar und es spricht nichts dagegen, auf dieses Gefühl stärker zu hören, als auf alle äußeren Meinungen und Ansichten. Wenn euch danach ist, weil es sich für euch selbst gerade stimmiger, sicherer, anfühlt, könnt ihr beispielsweise ein ausgleichendes Pad tragen. Solche Pads gibt es z.B. in so ziemlich allen Cupgrößen bei der polnischen Herstellerin Ewa Michalak, deren BHs oft auch schon mit einer passenden Tasche ausgestattet sind. Man kann dann an jedem Tag neu entscheiden, ob einem danach ist, den BH mit oder ohne Einlage zu tragen.

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Nach ärzlicher Zustimmung können auch Bügel-BHs getragen werden. Außerdem können in viele BHs Taschen für die Prothesen eingenäht werden. (© Anne-Luise Lübbe)

Bei Frauen mit einer einseitigen Mastektomie, die eine Epithese besitzen, ist es oft rückenschonender, wenn sie diese zumindest ab und zu auch tragen. Durch das Gewicht der verbleibenden Brust kann sich eine Fehlhaltung und damit Rückenbeschwerden einschleichen. Sofern es aus medizinischer Sicht keine Einwände gibt (am besten das OK vom Arzt einholen) und die Bügel ausreichend breit sind, spricht auch nichts dagegen, es mal mit Bügel-BHs zu versuchen. Die allermeisten Mastektomie-BHs sind zwar bügellos, allerdings kann man auch in „normale“ BHs  eine Tasche aus weichem Stoff einnähen, in die dann die Epithese eingelegt werden kann. Die Tasche sorgt dafür, dass die Epithese an ihrem Platz bleibt, nicht herumrutscht oder über den Körbchenrand hinauslukt. Damit die Änderungen am Cup nicht so stark auffallen, kann man BHs wählen, die keine elastische oder durchsichtige Spitze am Obercup und nach oben hin eher viel Stoff haben. Dabei kann der Steg jedoch durchaus niedriger sein. Auch hier gilt: Tragt das, womit ihr euch wohl und sicher fühlt und was euch gefällt. Wenn euch das Design eines BHs besonders zusagt, kann man sicher eine Lösung finden. Ich arbeite beispielsweise mit einer Maßschneiderin zusammen, die solche Taschen einnäht und auch individuelle Anpassungen durchführen kann.

Im Hinblick auf die Bequemlichkeit und das empfindliche Narbengewebe und ein eventuelles Lymphödem, kann zunächst ein BH mit weichen Bügeln empfehlenswert sein. Damit der Lymphfluss nicht gestört wird und es zu keinem Stau der Lymphflüssigkeit kommt, ist es wichtig, dass der BH seitlich nicht in die Achsel einschneidet oder es zu einer einseitigen Belastung kommt, indem das meiste Gewicht von den Trägern gehalten wird. Ein breites, stabiles Unterbrustband trägt dazu bei, dass das Brustgewicht besser verteilt wird, etwa 80 % des Brustgewichts sollte, wie bei jedem anderen BH auch, vom Unterbrustband getragen werden. Insbesondere wenn ein Lymphödem vorliegt, solltet ihr das Unterbrustband allerdings nicht zu eng wählen. Es sollte stabil sitzen, aber nicht zu stark einschneiden.

Anne-Luise ist Brafitterin aus Hannover. In ihrer BH Lounge sind BHs von Fräulein Annie, Cleo, Masquerade, Panache und Sculptresse erhältlich. In Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Maßschneiderin bietet Anne-Luise an, BHs individuell für Ihre Kundinnen anzupassen, z. B. durch Bügeltausch, weicher Unterpolsterung für druckempfindliche Personen oder Umarbeitung zum Mastektomie- oder Still-BH.

Im BH Lounge-Blog geht es um BH-Anpassung, Modellvorstellungen, aber auch um ein positives Körpergefühl. Im Rahmen der Kampagne Accept Every Body schreiben Anne-Luise und Gastautor_innen über Wege, einen positiven Zugang zum eigenen Körper zu finden und ihn so anzunehmen, wie er ist. Weitere Informationen gibt es auf der BH Lounge-Homepage, Facebook oder Twitter. Ein Interview mit Anne-Luise rund um Brafitting und Körperakzeptanz findet ihr übrigens beim Onlinemagazin Ihre Gesundheitsprofis.

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Anja

Hi, ich bin Anja, Psychologin, Bloggerin und Gründerin von Everyday Boudoir. Auf Everyday Boudoir schreibe ich seit 2014 über schöne Lingerie, gut sitzende BHs und feminine Kleider für möglichst alle Größen.

Auf www.anja-wermann.de findest du außerdem Artikel zu Beziehungen, Sexualität und Körperakzeptanz. Schau doch mal rein!