Interview: Claudia vom Cantienica®-Studio Berlin-Mitte

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(© Claudia Brignola)

Heute gibt’s mal was ganz anderes auf Everyday Boudoir! Ich stelle euch die Cantienica®-Methode vor, von der ich euch stundenlang vorschwärmen könnte 🙂 Diese Methode ist eine sanfte, aber sehr effektive Methode, um euren Körper von Kopf bis Fuß aufzurichten und zu stärken. Und vor allem könnt ihr mit ihr den Beckenboden trainieren – und zwar alle drei seiner gloriosen Schichten, nicht nur den Schließmuskel (Stichwort ‚Wasser anhalten‘), der so oft als Beckenboden dargestellt wird! Das Thema Beckenboden liegt mir sehr am Herzen, weil ihr eurem Körper und euch selbst damit soviel Gutes tun könnt – fast wäre ich sogar selbst Beckenboden-Trainerin geworden, aber dann kam es anders und ich habe eine meiner anderen Leidenschaften ausgelebt und Psychologie studiert.

Gegründet wurde die Methode von der Schweizerin Benita Cantieni, deren erstes Buch „New Callanetics“ ich mit 16 in die Hände bekam. Daraus entwickelte sie die Cantienica-Methode und ich bin ihr seitdem – wenn auch mit Pausen – treu geblieben. Für meinen beruflichen Blog habe ich vor kurzem ein Interview mit Claudia Brignola geführt, der sympathischen Inhaberin des Cantienica®-Studios in Berlin-Mitte. Mit ihrer Zustimmung kann ich euch unser Interview auch hier auf meinem Hobbyblog präsentieren und sage „Bühne frei für Claudia und die Cantienica®-Methode“!

Wie bist du selbst mit der Cantienica®-Methode in Kontakt gekommen?

Ich habe relativ schnell hintereinander zwei Kinder bekommen. Als meine erste Tochter 9 Monate alt war, wurde ich mit meiner zweiten Tochter schwanger. Ich fand schon die erste Schwangerschaft anstrengend, aber die zweite Schwangerschaft war beschwerlich. Der Bauch zog mich hinter sich her, ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, mir fiele alles unten raus. Ich habe mich so wenig einsetzbar gefühlt, so wenig belastbar. Nach der zweiten Geburt kam ich dann zur CANTIENICA®-Rückbildung. Was ich da erlebt habe, war ganz erstaunlich. Ich war noch nie in meinem Leben so kraftvoll in meiner Körpermitte wie nach dem CANTIENICA®-Training. Mir wurde die CANTIENICA®-Methode damals von mehreren Bekannten empfohlen. Es war für mich klar, dass ich damit einfach weiter arbeiten musste. Die CANTIENICA®-Ausbildungen sind ziemlich kostenintensiv. 2009 setzte ich alles auf eine Karte und kratzte all meine Ersparnisse zusammen, um mir den ersten Ausbildungsbaustein und den Coaching-Baustein leisten zu können. Und als ich danach anfing zu unterrichten, lief alles glücklicherweise so gut, dass ich seitdem alle Bausteine machen konnte und nun mein eigenes Studio eröffnen konnte.

Faszinierend finde ich, wie Cantienica® über den Körper auch auf die Psyche wirkt! Was ist für dich das Besondere an der Methode?

Es freut mich, dass Du mit Deiner Frage einen Punkt ansprichst, der mich von Beginn meiner Arbeit mit der CANTIENICA®-Methode antreibt und beschäftigt: CANTIENICA®-Training geht meines Erachtens über das rein körperliche Training hinaus. Den Körper in seinen von der Natur vorgesehenen Bauplan zurück zu bringen, in eine tiefe Kraft zu kommen, die äußere Muskulatur entspannen zu können, all das führt dazu, sich in seiner Haut wohl zu fühlen. Die feine Arbeit bei der Ausrichtung des Körpers erfordert eine Präsenz im Körper. Ist man präsent in seinem Körper, fühlt man sich verbunden. Man ist sehr bei sich und kann seiner Umwelt, seinen Mitmenschen, den Dingen des Alltags gelassener gegenüber treten. Ich merke oft, dass ich in Situationen, die mich stressen, in denen ich mich im Gedankenkarussell drehe, in gewisser Weise aussteige, indem ich mich gut ausrichte, einen tiefen Atemzug nehme, mich darauf besinne, welche Muskulatur mich hält und wo ich die Spannung rausnehmen kann. Das bringt mich zurück ins Hier und Jetzt.

Die CANTIENICA®-Methode leitet den guten Gebrauch des Körpers an. Gut mit sich selbst zu sein ist für viele Menschen eine echte Herausforderung. Auch wenn sie es im ersten Moment nicht vermuten würden. Wir sind doch fast alle irgendwie in dem Modus groß geworden, dass es Kraft kostet, etwas zu schaffen. Dass, wenn etwas gut sein soll, es auch anstrengend sein muss. Wenn etwas zu leicht von der Hand geht, ist es nichts wert. Im CANTIENICA®-Training macht man aber genau die Erfahrung von großer Leichtigkeit. Plötzlich lässt man das Zuviel an Kraft los und merkt – huch, das ist ja viel leichter als ich dachte! Man macht im Training die Erfahrung, dass gar nicht so viel Anstrengung und Kraft nötig ist, um in die Aufrichtung zu kommen. In einer ganz anspruchsvollen, kraftvollen Übung noch mal die äußeren Muskeln loslassen zu können und zu spüren, dass da eine ganz tiefe Stabilität ist, die einen hält, gibt viel Selbstvertrauen.

Ich finde, das lässt sich wunderbar aufs Leben übertragen. Einfach mal loslassen, wenn man denkt, es geht nichts mehr. Und plötzlich tun sich Wege auf.

Das Besondere ist für mich in meiner Arbeit, auf so vielen Ebenen arbeiten zu können. Für manche ist es ein tolles Fitnesstraining. Und für andere schon fast spirituelle Arbeit. Beides ist vollkommen wahr. Das ist sehr spannend, finde ich.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dein eigenes Studio zu eröffnen?

Seit 2009 unterrichte ich in Kursen, Workshops und Einzelstunden die CANTIENICA®-Methode. Mit den Jahren habe ich alle Ausbildungsbausteine absolviert, die es gibt. Mit jeder Ausbildung steigt man tiefer in die CANTIENICA®-Methode aber auch in sich selbst ein. Man wird immer feiner in der Wahrnehmung. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich immer anspruchsvoller auch in meinem Unterricht geworden bin. Nicht was die Teilnehmer anbelangt, sondern mich und meinen Unterricht. Ich wollte einfach endlich mit dem kompletten Equipment arbeiten, das die CANTIENICA®-Methode einsetzt. Dazu gehören einfach Stangen und Spiegel. Die hatte ich in dem Raum nicht, den ich vorher stundenweise angemietet hatte. Auch war der Raum deutlich zu klein. Ich hatte für manche Kurse Wartelisten, auf denen die Leute ewig standen, bis sie in einen Kurs nachrücken konnten. Das war frustrierend, weil ich teilweise Frauen am Telefon hatte, die stark unter ihren Beschwerden wie z.B. Inkontinenz litten. Diesen Frauen nur einen Platz auf der Warteliste anbieten zu können und dabei genau zu wissen, dass es Monate dauern würde, bis sie eventuell nachrücken könnten, war nicht schön.

Dazu kommt, dass ich einfach gerne selbständig bin, Ideen entwickle, organisiere. Diese Freiheit habe ich nur in eigenen Räumen, in denen ich selbst über das, was passiert, entscheiden kann. Und ich habe das Glück, ganz tolle Kolleginnen zu haben, die so wie ich für die Methode brennen. Mit ihnen zusammen zu arbeiten, mich auszutauschen, das wollte ich schon immer. Nun habe ich den Schritt getan und freue mich jedes Mal, wenn ich die Tür zu Studio aufschließe, die Blumen in die Vasen sortiere und die Leute aufgerichtet und voller Energie aus dem Studio gehen.

Welche Rückmeldungen erhältst du von deinen Kursteilnehmer/innen zu Cantienica®?

Sehr gute Rückmeldungen. Teilnehmer, die wegen Rückenschmerzen kamen sagen, dass sie extrem vom Training profitieren. Seit sie regelmäßig trainieren, kennen sie keine Rückenschmerzen mehr. Die Inkontinenzprobleme lösen sich auf oder verbessern sich drastisch. Alle, die konsequent trainieren, berichten über ein deutlich verbessertes Körpergefühl.

Ganz viele meiner Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen kontinuierlich seit Jahren zu mir ins Training. Das spricht doch enorm für die Methode und zeigt, dass das Training hilft. Und Spaß macht! Niemand quält sich jahrelang jede Woche zu einem Kurs, der nicht auch Freude macht und einen persönlich weiterbringt.

Für mich ist das Herzstück von Cantienica® das Beckenbodentraining. Hast du den Eindruck, dass der Beckenboden in den letzten Jahren „salonfähiger“ geworden ist oder ist er immer noch eher ein Tabu?

Oh ja, das denke ich schon. Und ganz ehrlich glaube ich auch, dass die Tigerfeeling-Bücher von Benita Cantieni, der Begründerin der CANTIENICA®-Methode, da eine entscheidende Rolle gespielt haben bzw. spielen. Die Bücher sind mittlerweile sehr bekannt. Seit Mitte der 90er Jahre hat sie immer wieder Bücher über den richtigen Einsatz des Beckenbodens geschrieben und erklärt, warum reines Schließmuskeltraining meistens keinen Sinn macht. Sie ist die Pionierin im wirklich ganzheitlichen Beckenbodentraining. Was sich so tut in diesem Bereich geht auf Ihren Ansatz zurück, nämlich mit dem tiefen Beckenboden zu arbeiten, dem Musculus Levator Ani.

Er trägt die Organe des Unterleibs und ist eine wahre Vernetzungszentrale für die Tiefenmuskulatur. Ohne ihn läuft auf Dauer nichts „rund“ im Körper.

Glücklicherweise ist also inzwischen die Bedeutung des Beckenbodens für den gesamten Körper bekannter als früher. Allerdings kenne ich keine Methode, die den Einsatz des Beckenbodens so präzise und konsequent erklärt und einsetzt wie die CANTIENICA®-Methode. Im Yoga wird das Mula Bandha praktiziert, das auf die Schließmuskulatur und nicht auf den tiefen Beckenboden abzielt. Im Pilates wird der Bauchnabel zur Wirbelsäule gezogen, um das Powerhouse zu aktivieren, was fast immer eine Kippung des Beckens mit sich zieht. Nichts davon bringt den tiefen Beckenboden so alltagstauglich in die Aktivität, wie wir es in der CANTIENICA®-Methode anleiten.

Zwar wird inzwischen viel über die Bedeutung des Beckenbodens gesprochen, aber immer noch häufig tabuisiert sind Themen wie Inkontinenz und Blasenschwäche, Orgasmusschwierigkeiten. Hämorrhoiden. Dabei leiden darunter wirklich viele, auch junge Frauen. Gerade nach Geburten, aber nicht nur.

Gerade in den Rückbildungskursen sind das Themen, die bewusst angesprochen werden, weil man wirklich etwas dagegen tun kann.

Hast du eine Lieblingsübung, die du meinen Leser*innen mitgeben möchtest?

Wichtig ist, dass die äußere Muskulatur während der Übung entspannt bleibt.

Auf den Rücken legen, Beine angewinkelt aufstellen. Die Füße sitzbeinhöckerschmal (einfach mal mit den Fingern in die horizontale Pofalte greifen und nach ihnen suchen) in ein zartes V, also die Fersen etwas näher beisammen als die Zehen. Die Knie parallel zur Decke ausrichten. Die Hände entspannt auf den Rippen ablegen. Die Schulterblätter entspannt an den Boden abgeben. Den Kronenpunkt nach hinten dehnen (in der Vorstellung einen Wasserkrug auf dem Kopf tragen) und das Scham- und Steißbein in der Vorstellung Richtung Fersen verlängern. Somit ist die Wirbelsäule schön lang gedehnt und es darf kein Druck mehr mit dem Rücken in den Boden geben. Genau hinter dem Bauchnabel ist gerade so viel Platz, dass ein schlafender Schmetterling Platz hätte.

Einatmen, dabei auf die Sitzbeinhöcker konzentrieren. Den Atem an der Wirbelsäule hoch wandern lassen und über den Kronenpunkt ausatmen. Fünf Mal.

Dann die Knie zu den Seiten auseinander ziehen, bis die Fußsohlen komplett aneinander liegen können. Alle Zehen kontaktieren ihr gegenüber, die Fersen liegen rundherum aneinander. Dann die Fersen aneinander drücken. Erst ganz zart starten und dann ausprobieren, wie stark es sein muss, damit dieses Fersenstupsen auch an den Sitzbeinhöckern ankommt und somit im tiefen Beckenboden. Die Kraft, die beim Fersenstupsen im Becken entsteht, kommt aus dem tiefen Beckenboden. Der Po bleibt entspannt! Die Beine auch. Die Knie dehnen aus dem Becken raus. Die Wirbelsäule bleibt lang gedehnt. 30 Mal wiederholen, dann Beine wieder schließen und Füße aufstellen.

Das ist eine ganz tolle Übung, um wirklich den tiefen Beckenboden zu erobern. Einfach mal ausprobieren, wie anders sich diese Übung anfühlt im Vergleich zum Zusammenkneifen der Schließmuskulatur.

Was war dein schönstes Erlebnis während deiner bisherigen Zeit als Cantienica®-Trainerin?

Das kann ich gar nicht so sagen. Es gibt immer wieder ganz tolle Erlebnisse. Mir geht es da wie Dir. Du hast den schönen Slogan: „Ich will Dich aufblühen sehen“. In gewisser Weise sehe ich ja in jeder Stunde, wie schnell und wie schön Menschen in die Aufrichtung kommen. Das kann ich total genießen. Ich kann richtig sehen, wie das Außen mit dem Innen übereinstimmt, wie das, was so wunderschön aussieht sich auch wunderbar von innen heraus anfühlt. Das ist toll. Aber besonders schön ist es, wenn mir Teilnehmer/innen erzählen, dass sich durch das Training ernsthafte, das Leben beeinträchtigende Beschwerden aufgelöst haben.

Gibt es sonst noch etwas, dass du zu Cantienica® „loswerden“ möchtest?

Ja, eine Sache: wer mit der CANTIENICA®-Methode anfängt, sollte sich Zeit geben. Nicht allen fällt die Selbstwahrnehmung leicht. Ich möchte alle ermutigen, die es vielleicht schwierig finden, die Übungen umzusetzen, am Anfang einfach dran zu bleiben. Oft steht uns nur der Kopf im Weg. Am Anfang will man mit dem Verstand erfassen, was man bei den Übungen zu tun hat. Wenn man diesen Anspruch mal fallen lässt, wird es viel viel einfacher. Ich weiß das aus eigener Erfahrung.

Habt ihr Cantienica schon mal probiert? Falls nicht, probiert doch diese Übungsvideos zum Reinschnuppern aus!

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Anja

Hi, ich bin Anja, Psychologin, Bloggerin und Gründerin von Everyday Boudoir. Auf Everyday Boudoir schreibe ich seit 2014 über schöne Lingerie, gut sitzende BHs und feminine Kleider für möglichst alle Größen.

Auf www.anja-wermann.de findest du außerdem Artikel zu Beziehungen, Sexualität und Körperakzeptanz. Schau doch mal rein!