„Look sexy, but don’t be sexual“: Lady Lou im Interview

(© Henriette Becht)

Genug geteast, jetzt wird geredet!

Über Burlesque, weibliche Schönheitsideale, Risiken und Mut, Verführungskraft und die Kunst des Neckens und Flirtens. Außerdem erhaltet ihr Antworten auf die Frage, was ein gelungener Auftritt mit gutem Sex zu tun hat, wieso Weiblichkeit und Kompetenz sich nicht ausschließen und was es mit dem oben genannten Zitat auf sich hat.

Dieser Artikel gehört zu denen auf Everyday Boudoir, auf die ich besonders stolz bin! Nicht nur aufgrund des Inhalts, der vor allem Lady Lous Antworten zu verdanken ist, sondern auch aufgrund der Entstehung. Im Schweiße meines Angesichts habe ich meine wilden Notizen zu unserem zweistündigen, englischsprachigen Gespräch in einen lesbaren Text verwandelt. Enjoy!

Kurzes Intro zu meiner Interviewpartnerin: Neuseeländerin, Wahl-Berlinerin, bald zweifache Mutter, eine der treibenden Kräfte der Burlesque-Szene in Berlin und ganz Deutschland, Body Acceptance Verfechterin, gastfreundliche, humorvolle und warmherzige Gesprächspartnerin. Das alles und noch viel mehr ist Lady Lou!

Anja: Lady Lou, wie hat es dich von Neuseeland nach Berlin verschlagen?

Lady Lou: Ich bin direkt nach meinem Schulabschluss nach London gegangen, wo ich sechs Jahre gelebt habe. Dort habe ich einen Gentleman kennengelernt, der nicht – wie man klischeehaft denken könnte – aus England kam, sondern aus Deutschland! Heute ist er mein Ehemann, damals hat er mich mit Berlin bekannt gemacht. Und vor einigen Jahren sind wir hier gemeinsam gelandet.

Anja: Wann, wie und wo bist du das erste Mal mit Burlesque in Berührung gekommen?

Lady Lou: Burlesque habe ich das erste Mal in London erlebt. Ich weiß noch genau, wie mich eine der Tänzerinnen gebannt hat! Sie war ungefähr Ende 30 und nicht sexy im Mainstream-Sinne. Sie hatte Röllchen, Cellulite, die Spannkraft ihrer Brüste hatte nachgelassen, aber meine Herrn hatte sie eine anziehende Ausstrahlung! Und sie hatte keine Hemmungen, ihren Körper zu bewegen und zu zeigen, ihre Röllchen in Schwingung zu versetzen. Frauen glauben ja immer, dass nichts an ihnen wackeln dürfte, das ging mir früher nicht anders. Doch viele Frauenkörper sind eben weich und nicht fest und diese Burlesque-Künstlerin zu sehen, war für mich wie ein Aufwach-Moment! Durch ihr Vorbild wurde mir klar, dass ich auch nicht „perfekt“ sein muss und dass ich das auch darf. Meine „wobbly bits“ in Bewegung zu versetzen anstatt sie zu verstecken.

Lady Lou - Chiloé Rosanto Photography

(© Chiloé Rosanto Photography)

Anja: Hast du danach selbst mit Burlesque begonnen und wie hat sich dein Körperbild dann weiterentwickelt?

Lady Lou: Dieser Abend war für mich ein Startschuss, aber es war noch ein langer Prozess ehe ich mich das erste Mal auf eine Bühne getraut habe! Das hat mich viel Überwindung gekostet, damals habe ich schon in Berlin gelebt und um 2006 herum war die Burlesque-Szene hier noch sehr klein. Ich wollte die Szene aber gern mit ausbauen und ein wichtiger Punkt dabei war, dann auch selbst auf die Bühne zu gehen.

Anja: Wo hast du denn dein Debüt gehabt?

Lady Lou: Das war bei Bohème Sauvage. Dieser Abend hat für mich alles verändert! Nicht nur die Art, wie ich mich selbst sehe, sondern ich war auch erstaunt, welchen Eindruck die Rolle, die ich auf der Bühne spiele, mein „Burlesque Alter Ego“, auf die Zuschauerinnen und Zuschauer machen kann.

Anja: Bei meiner ersten Burlesque-Veranstaltung ist mir aufgefallen, dass überhaupt viele Zuschauerinnen im Publikum waren. Ist das typisch für einen Burlesque-Abend?

Lady Lou: Ja, das Publikum besteht in der Regel zu mindestens der Hälfte aus Frauen.

Anja: Wie erklärst du dir das?

Lady Lou: Ich denke, dass Frauen das Fantasievolle am Burlesque mögen. Jede Performance erzählt eine Geschichte, lebt vom Flirt mit dem Publikum, der Spannung, Humor und Andeutungen. Viele Frauen erkennen sich auch selbst in den Tänzerinnen wieder, spüren ihren eigenen Wunsch nach Verspieltheit, Glamour, auch einmal die Femme Fatale zu spielen.

Anja: Was ist noch das Faszinierende am Burlesque?

Lady Lou: Ein Burlesque-Auftritt ist eine One-Woman-Production. Die Künstlerin entwickelt ihren Bühnenauftritt, die Geschichte, die sie darstellen möchte, sie überlegt sich die Choreographie, wählt die passende Musik aus, schminkt sich selbst und macht sich die Haare. Viele nähen auch ihre Kostüme selbst. Beim Burlesque kann frau unglaublich kreativ werden!

Lady Lou - Burak Bulut Photography

(© Burak Bulut Photography)

Anja: Was macht einen gelungenen Burlesque-Auftritt aus?

Lady Lou (mit einem Augenzwinkern): Ein gelungener Auftritt ist wie guter Sex. Du fängst langsam an, verbindest dich mit dir selbst und deinem Publikum (respektive Partner/in), hörst auf zu denken, darüber wie du wohl aussiehst oder ob du dich gerade lächerlich machst, und gibst dich dem Moment hin. Du lässt dich fallen, steigerst die Spannung bis sie sich in einem Höhepunkt entlädt. Und Humor ist wichtig, auf der Bühne genauso wie beim Sex.

Wenn dir das Fallenlassen nicht gelingt, weil die Gedanken überhand nehmen und die Verbindung zum Publikum und dir selbst behindern, dann hat auch der Auftritt etwas Fades, Unbefriedigtes, als würde irgendetwas fehlen.

Das gleiche gilt, wenn du Burlesque nur für deinen Partner oder deine Partnerin tanzt. Es kann sehr anregend sein, wenn er oder sie nur zusieht, aber dich nicht anfassen kann. Bis du es erlaubst. Du kannst ihm oder ihr auch spielerisch auf die Finger hauen oder sogar die Hände festbinden. Du hast die Kontrolle darüber, was geschieht und was nicht, und es kann genau wie ein Bühnenauftritt eine sehr bereichernde Erfahrung für dein Selbstbewusstsein sein!

Anja: Das klingt sehr spannend! Lässt sich das Fallenlassen in deinen Kursen eigentlich lernen?

Lady Lou: Mein Eindruck ist ‚ja‘! Ein wichtiger Schritt ist, dass die Teilnehmerinnen lernen, mit sich selbst zu flirten und die Scheu vor ihrer Weiblichkeit und sexuellen Seite abzulegen. Es ist nicht falsch, feminin zu sein. Gerade im Arbeitsleben trennen viele Frauen sich aber von ihrer weiblichen Seite ab, um ernstgenommen zu werden. Dabei schließt es sich nicht aus, attraktiv, schlau und weiblich zur selben Zeit zu sein.

Die Frauen kommen dann in meine Kurse und hungern förmlich danach, diese Seiten auch auszudrücken, und genießen es, dass Burlesque teilweise schon „über-feminin“ ist mit all dem Glamour und Glitter. Das ist für sie wie ein Ausgleich zum Alltags- und Arbeitsleben.

Lady Lou - Burak Bulut Photography (2)

(© Burak Bulut Photography)

Anja: Ich finde, Lingerie ist eine sehr gute Möglichkeit, um auch im Alltag oder Büro mit der eigenen Weiblichkeit in Kontakt zu bleiben. Ohne dass es andere unbedingt merken müssen und zum Beispiel die Karriere gefährdet wird.

Lady Lou: Allerdings. Was mir bei deutschen Frauen übrigens auch aufgefallen ist: Viele haben meinem Eindruck nach gar kein so großes Problem damit, wenig bekleidet zu sein (zum Beispiel am Strand). Aber es gibt anscheinend eine Hemmung, sexy zu sein. Und wenn sexy, dann ist es eine oberflächliche, stereotype Art von Sexyness, die sich an dem orientiert, was in den Medien zu sehen ist und weniger an dem, was die Frau selbst eigentlich als aufregend empfinden würde. „Look sexy, but don’t be sexual“. Dabei ist eine Frau meiner Meinung nach dann am heißesten und anziehendsten, wenn sie sich kleidet, wie es ihr am besten gefällt, und wenn sie das tut, was sie am meisten mag.

Anja: Bei meinem Schnuppertease hast du mit diesen Worten bei mir offene Türen eingerannt! Wie bist du eigentlich zur Burlesque-Lehrerin geworden?

Lady Lou: Zu Beginn war Burlesque für mich ein Hobby. 2008 kam dann der Wendepunkt. Ich hatte die Möglichkeit in Agatas neu gegründetem Schöheitstanz-Studio als Lehrerin anzufangen. Das war damals noch sehr riskant, denn die Berliner Burlesque-Szene war wie gesagt noch recht überschaubar. Außerdem hatten mein Mann und ich bereits das erste Kind bekommen und ich hatte eine Festanstellung. Auf der anderen Seite wusste ich „Jetzt oder nie“, denn so eine Gelegenheit kommt nicht wieder. Dass ich es gewagt habe, war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe!

Lady Lou - Carsten Schulze Photography (5)

(© Carsten Schulze Photography)

Anja: Was gefällt dir am Unterrichten?

Lady Lou: Ich finde es großartig, den Frauen in meinen Kursen bei ihrer Transformation zuzusehen. Wenn Sie am Anfang in meine Kurse kommen, sind viele Frauen noch schüchtern, doch mit der Zeit kommt die Freude am Showgirl-Spielen und Verspieltsein zum Vorschein.

Anja: Du bist bald ein Jahrzehnt in der Burlesque-Szene aktiv. Was hält deine Leidenschaft aufrecht?

Lady Lou: Es ist vor allem das Thema Körper- und Selbstbewusstsein, dass mich so fasziniert und meine Leidenschaft am Leben erhält. Ich finde es furchtbar, wie die Unsicherheit von Frauen kommerziell ausgenutzt wird und ich mag es, für manche Frauen eine Inspiration zu sein. So wie es die erste Burlesque-Künstlerin, die ich damals in London gesehen habe, für mich war.

Anja: Hast du Pläne für die Zukunft, die du schon verraten möchtest?

Lady Lou: Oh, ich habe so viele Pläne und Ideen! In diesem Jahr möchte ich einen Film drehen, indem ich einige meiner Schützlinge und Kursteilnehmerinnen interviewe. Allerdings bekomme ich in wenigen Wochen mein zweites Kind, da werde ich sehen, wie viel ich nebenbei schaffe!

Anja: Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute für die kommenden Wochen und herzlichen Dank für deine Zeit und Gastfreundschaft!

Wenn ihr jetzt Lust bekommen habt, einen Kurs bei Lady Lou zu besuchen (was ich sowas von verstehen könnte): Sie kehrt voraussichtlich ab Dezember wieder ins Schönheitstanz-Studio zurück!

Gedanken, Meinungen, Kommentare? Immer her damit!

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Anja

Hi, ich bin Anja, Psychologin, Bloggerin und Gründerin von Everyday Boudoir. Auf Everyday Boudoir schreibe ich seit 2014 über schöne Lingerie, gut sitzende BHs und feminine Kleider für möglichst alle Größen.

Auf www.anja-wermann.de findest du außerdem Artikel zu Beziehungen, Sexualität und Körperakzeptanz. Schau doch mal rein!

4 Kommentare

  1. Huhu Anja 🙂

    ein ganz tolles Interview! Du hattest mir ja schon einiges erzählt, aber in dem Interview kommt Lady Lou auch richtig sympathisch rüber und ich verstehe, warum sie eine Inspirationsquelle sein kann.

    LG, Esther

    • Hi Esther,
      dankeschön! 🙂 Vielleicht schenke ich dir einfach mal einen Gutschein für einen Schnuppertease, wenn sie wieder da ist?
      Liebe Grüße
      Anja

      • Müsste ich tatsächlich mal drüber nachdenken, ob ich mir das „zutraue“, obwohl deine Begeisterung ja Bände spricht 🙂

        LG, Esther

        • Also falls du dir Sorgen wegen des Ausziehens machst: Beim Schnuppertease und auch im Anfänger-Workshop bleibt die Kleidung am Körper 😉

          Liebe Grüße
          Anja

Kommentare sind geschlossen.